Reisebericht Weißrussland: Doppelschnepfe, Terekwasserläufer und Lasurmeise im Pripjater Polesien

Reisebericht Weißrussland: Doppelschnepfe, Terekwasserläufer und Lasurmeise im Pripjater Polesien

Reisebericht über die Reise nach Weißrussland vom 15. bis 21. Mai 2016

15.05.2016 (1. Tag) – Anreise in ein fremdes Land
Von Berlin-Schönefeld ging es mit Belavia nach eineinhalb Stunden Flugzeit in die Weißrussische Hauptstadt Minsk, nach persönlicher Verabschiedung von Hartmut Meyer im Flughafen Berlin-Schönefeld. Unser Bird-Guid Pavel (Branta-Tours) gemeinsam mit Natascha nahm uns am Flughafen – nach erstaunlich einfacher Einreisekontrolle in Empfang, und wir traten unsere Fahrt in Richtung Süden an. Nach etwa vier Stunden (und einigen Wiesenweihen) in einem schon etwas betagten rotenweißen russischen Bus erreichten wir mit einigen Zwischenstopps unsere rustikale Unterkunft (Hlubinskaja Buda Lodge) im Pripjat-Nationalpark am Fluss Pripjat im Süden von Weißrussland an der Ukrainischen Grenze. Ein reichhaltiges Abendbrot entschädigte für die Reisestrapazen, und eine ausführliche Vorstellungsrunde erfolgte im Anschluss. Unter anderem berichtete Natascha über ihre Forschungsarbeiten am Kampfläufer und über ihr Land. Überhaupt erwies sie sich im Laufe der Reise als fachkundige, organisatorische und gut gelaunte „Seele“ der Tour. Ohne sie hätten wir sicher nicht so viel erlebt – Danke an Natascha! Das Einschlafen erfolgte für fast alle mit einem ungewohnten Konzert von rufenden Wachtelkönigen, Tüpfelrallen und singenden Sprossern vor der Haustür, direkt am Pripjat.

16.05. (2. Tag) – Beeindruckende Ursprünglichkeit und Vielfalt
Die meisten nutzten bereits vor dem Frühstück die Zeit für eine Erkundung der unmittelbaren Umgebung mit einer herrlichen Flussaue und einem typischen weißrussischem Dorf (Halubica), ein erster Blutspecht wurde gesichtet. Die Lodge wird vom Nationalpark geführt und ist gut ausgestattet. Die Getränkeabrechnung gestaltete sich aber etwas schwierig, da die erste abendliche Getränkerunde schlug mit 1,3 Millionen zu buchen!
Hier noch ein paar Angaben zum Pripjat bzw. zum Nationalpark. Der Pripjat ist wohl, zusammen mit dem Wolgadelta, die größte in Europa erhaltene natürliche Flussaue. Das Gebiet wurde 1969 unter Schutz gestellt und 1996 zum Nationalpark erklärt. Der Park erstreckt sich von West nach Ost über 64 km, von Nord nach Süd über 27 km und hat eine Größe von 83.000 ha.

Bei bestem Wetter, Sonne und 18 Grad, fuhren wir nach dem Frühstück in die Pripjat-Auen, etwa 10 km östlich von unserer Unterkunft. Direkt an einem kleinen urigen Dorf  wurde bis zum frühen Nachmittag die gut erhaltene Weichholzaue durchgestreift. Das Sprosser-Konzert war herrlich, und einige aus der Gruppe konnten die ersten Lasurmeisen und Blaukehlchen beobachten. Beeindruckend waren auch die fütternden Stare in fast jedem Haus (Nahrung ohne Ende).

Nach dem Mittagessen stand die erste und leider einzige Bootsfahrt der Tour an, und diese entwickelte sich für alle zu einem Höhepunkt, trotz lautem Bootsmotor. Es ging mit 3 Booten in die weiträumigen Nebenarme und überschwemmten Flächen des Pripjat, und man bekam ein  Eindruck von der Ursprünglichkeit und der Größe des Nationalparks. Beeindruckend waren die vielen Limikolen (Kiebitz, Rotschenkel, Uferschnepfe) und der erste Terek. Trauer, Weißbart- und Weißflügelseeschwalben waren in großer Anzahl, teilweise schon brütend, zu sehen. Trupps von bis zu 10 Schwarzstörchen, Schrei- und Schelladler und ein Elch wurden gesichtet. Diese Lebensraum-Vielfalt und Ursprünglichkeit waren wohl für alle sehr beeindruckend.  Die Boote setzten uns in Liaskavicy ab, dort befindet sich die Nationalpark-Verwaltung, ein Museum (leider schon zu) und ein großes neues Hotel. Der Bus holte uns ab, und es ging noch ein paar Kilometer durch das Land. Ziel sollten Brachpieper sein – keinen gefunden, dafür aber Raubwürger, Wiedehopf  und einer „sozialistische Kolchose“ mit großer Kuh Herde.  Bei der abendlichen Tagesauswertung wurde beschlossen, schon am morgigen Tag zum nächsten Quartier umzuziehen, da hier der Wasserstand in diesem Jahr recht niedrig und dort bessere Bedingungen wären.  Für uns kaum nachvollziehbar, da eigentlich überall Wasser war – was für ein Gebiet.

17.05. (3. Tag) – Limkolen über Limikolen …
Vor dem Frühstück erfolgte bereits die „Frühexkursion“ mit Rebhühnern und Sprosser-Konzert direkt vor dem Hotel und der Besteigung eines Aussichtsturmes mit herrlichem Blick über die überschwemmte Aue und jagende Seeadler. Nach dem Frühstück und Sachen einpacken ging es dann mit dem Bus in westlicher Richtung. Unser Ziel war eine geplante Wanderung durch ein natürliches  Waldgebiet in der Aue. Schon die Anfahrt durch Felder und Wiesen ohne bzw. mit minimalen Herbizid.-, Pestizid- und Düngereinsatz war wie eine Reise in die Vergangenheit. Auf den Feldern und Wiesen noch Wachstum unter einem Meter, „Unkraut“, Blumen, Brachflächen und feuchte Senken.

Auf einer frisch gemähten Wiese konnten 2 Schreiadler ausgiebig beobachtet werden und auf  Getreidefeldern thunbergi-Wiesenstelzen. Nachdem unsere ständige Begleitung durch Nationalpark- Mitarbeiter, als Guide oder Aufpasser (?), die Schranke zum Park geöffnet hatte (Schlüssel liegt unter Stein rechts daneben), begann ein mehrstündiger Fußmarsch bei bestem Wetter. Unser grüner „Tour-Bus“ folgte uns in gebührendem Abstand, sodass niemand verlorengehen  konnte.  In den naturnahen Wäldern konnten dann auch Halsbandschnäpper an der Bruthöhle, Mittel- und Weißrückenspecht ausführlich beobachtet werden. Eine Suche von Pavel nach Sperlingskauz und Schlagschwirl blieb erfolglos (Mittag um 13 Uhr!), erbrachte dafür aber warnende Waldwasserläufer. Am Ende  des Waldes konnten dann noch auf gemähten Flächen Schrei- und Schelladler beobachtet werden, und Bestimmungsmerkmale wurden diskutiert. Ein riesiger Acker mit zahlreichen Kiebitzen und jagenden Rohr- und Wiesenweihen; Baumfalke und dem ersten Drosselrohrsänger rundeten die Tour ab. Interessant waren noch auf einigen Wegen frische Wolfsfährten mit Losung und in überschwemmten Flächen rufende Rotbauchunken.

Dann ging die Fahrt mit dem Bus in Richtung Turov weiter, mit kurzem Halt auf der großen Pripjat- Brücke mit herrlichem Ausblick auf den Fluß und die weiträumigen Auen. In „guten“ Jahren beträgt die Breite der überschwemmten Aue bis zu 14 km! In Turov hatte Natascha noch ein Angebot für die Gruppe, welches begeistert aufgenommen wurde. Wir besuchten die Beringungsstation der örtlichen Ornithologen-Gruppe, welche auch im Sommerhalbjahr Nataschas Arbeitsplatz ist. Direkt am Fluß mit herrlichen Wiesen und „Limikolenmassen“ befand sich das urige Holzhaus. Dort werden seit Jahren, auch mit deutscher Unterstützung, Limikolen in Reusen gefangen und beringt. Wie vorbereitet, wurden gleich bei unserer Ankunft ein Terekwasserläufer, einige Rotschenkel und Sandregenpfeifer beringt!  Danach ging es zum Hotel am Stadtrand. Das „Turov“ Hotel überraschte uns mit gutem Komfort und Ausstattung. Es wurde straff von der Chefin geführt, und umgebaute Möbel, umgelagerte Trinkgläser und (nicht) mitgenommene Handtücher mussten immer am richtigen Platz stehen!

18.05. (4. Tag) – Höhepunkt Doppelschnepfen-Balz
Vor dem Frühstück wurden die Stadt und der örtliche Flußabschnitt erkundet. Am Fluß gab es reichlich Limikolen und in der Stadt eine gemischte Saatkrähen- und Dohlen-Kolonie, Sprosser und einen Blutspecht. In der Stadt konnten dann auch reichlich russische Automobile bewundert werden, vor allem LKW-Gefährte waren sehr kreativ, und ein sehr bunter Friedhof mit Kriegerdenkmal und reichlich Kunstblumen. Nach dem Frühstück ging es 2 km nach Osten in das Kpemhoe und eine Fußexkursion entlang von Altgewässern folgte. Es wurden auch gleich nach Ankunft balzende Bekassinen, Rotschenkel, sowie Lasurmeisen und Karmingimpel gesichtet. Es gelang ein Nisthöhlenfund der Lasurmeise, und die Fotofreunde kamen auf ihre Kosten. Auch ein Schlangenadler und eine Zwergdommel konnten beobachtet werden. Nachmittags erfolgte mit dem Bus und zu Fuß eine Erkundung durch Felder und Auenlandschaft etwa 10 km östlich von Turov in der Umgebung des Dorfes Xboehck. Unter anderem gab es herrliche alte russische Häuser und fast naturnahe Felder zu sehen.

Am Abend erfolgte dann die lange erwartete Exkursion zu einem Doppelschnepfen-Balzplatz in die Pripjatauen nordöstlich von Turov. Aus einem angekündigten Fußmarsch von 500 m sind dann 2,5 km geworden. Auf dem Anmarschweg konnten überall Wiesenstelzen und ein Schlagschwirl bewundert werden. Aufgrund des schneearmen Winters war es dieses Jahr in der Aue recht trocken. Dies war auch der Grund für den langen Anmarschweg, in „normalen“ Jahren erfolgt die Anfahrt per Boot. Der Höhepunkt war dann, bei bestem Wetter und herrlichem Sonnenuntergang,  die Doppelschnepfenbalz mit 9 Männchen. Zum Fotografieren leider zu weit weg,  aber trotzdem ein herrlicher Abend am Pripjat und für viele der Gruppe sicher ein Höhepunkt der Tour.

19.05. (5. Tag) – Unterwegs im Auwald
Vor dem Frühstück nutzten einige aus der Gruppe die Zeit, um bei der Limikolen-Beringung mit zu helfen und das Leben auf den natürlichen intakten Auenwiesen zu beobachten. Nachdem in Turov die vorhandenen Briefmarken und Postkartenbestände von unserer Gruppe aufgekauft wurden, ging es mit dem Bus eine Stunde in westlicher Richtung nach Olwanie. Auf der Fahrt fielen uns die großen Gewächshausanlagen auf, welche mit Holz beheizt wurden. Vor allem der Anbau von Tomaten dient wohl zur Versorgung von Minsk und Moskau (Dank EU-Embargo!). Unser Ziel war eine Wanderung auf dem Deich entlang der Pripjat Auen. Auf einer zwei stündigen Beobachtungstour konnten sehr schön Karmingimpel, Lasurmeise und Schlagschwirl beobachtet werden.
Nachmittags ging es in östlicher Richtung. Ziel war eigentlich Adlerbeobachtungen, aber daraus wurde nicht viel. Feldvögel und ursprüngliche Dörfer waren auch nicht schlecht. Nach einem Blick auf die Karte entschied sich die Gruppe für eine Erkundung in Richtung Fluss. Ein paar Gewitterschauer überstanden wir im Bus. Die Flussaue begann, und wir standen vor einer Schranke. Nach einige Telefonaten sollte auch ein Schlüssel kommen (ist wahrscheinlich heute noch unterwegs). Der Zufall half uns weiter, ein Traktorfahrer öffnete die Schranke, und wir beschlossen spontan einen  kurzen Fußmarsch. Aus dieser kurzen Wanderung wurde dann die wohl schönste Tour unserer Reise. Wir genossen einen herrlichen natürlichen Auenwald. Höhepunkt war eine singende Rotdrossel. Erstaunlicherweise kamen wir am Ende des Weges tatsächlich am Fluß heraus und waren gegenüber unserer ersten Unterkunft.

20.05. (6. Tag) – Am Brutplatz des Zwergsägers und beim Habichtskauz
Nach der morgendlichen Beobachtungsrunde in den Auenwiesen ging es per Bus in Richtung Nordwesten zu den Bieloie Fischteichen. Das Gebiet ist für seine Zwergsäger-Brutvorkommen bekannt. Die Zwergsäger ließen auch nicht lange auf sich warten, und bei einer zweistündigen Wanderung konnten noch Schwarzstörche, Silberreiher und Seeadler beobachtet werden. Moorenten fanden sich leider nicht ein.

Danach ging es weiter in Richtung Westen nach Ivacevichy zu „versprochenen“ Bartkäuzen. Nach 2 Stunden Fahrt und einigem Suchen nach dem örtlichen Guide blieb dann unser Bus in einem  „normalen“ bewitschafteten Kiefernwald stehen. Ein 15-minütiger Marsch und vor uns ein brütender Bartkauz in einer Nisthilfe aus Metall, ein Erlebnis besonderer Art. Im Gebiet (Vygonoschanski-Urwald) soll es wohl an die 20 Reviere geben, die meisten auf künstlichen Nisthilfen. Beringung erbrachte wohl bisher nur wenige Funde und eine hohe Ortstreue. Die großen Eulen ernähren sich in den Wäldern hauptsächlich von Mäusen. Außerdem soll es wohl in diesen Wäldern viele Auerhühner geben. Eine Nachsuche nach dem Partner erbrachte leider keinen Erfolg. Unseren ausgesprochenen  netten und bescheidenen örtlichen Guide setzen wir wieder zu Hause ab, und aus seinem Haus kamen nach und nach sechs Kinder zum Vorschein (Ornithologen Nachwuchs).
Nach „gefühlten“ vier Stunden Fahrt erreichten wir unsere letzte Unterkunft in der Stadt Bereza. Das Hotel lag ziemlich zentral, und ein reichhaltiges Abendbrot in einer nahen Gaststätte und die Besichtigung der Obligatorischen Lenin Statue beendeten den Tag.

21.05. (7. Tag) – Dem Seggenrohrsänger auf der Spur
Nach einem zeitigen Frühstück in einer sehr guten Gaststätte außerhalb der Stadt ging es per Bus zum Sporovo-Reservat. Ziel war der Seggenrohrsänger, er hat dort sein zweitgrößtes Vorkommen in Weißrussland (700-2.000 Männchen). Auf dem Weg dorthin konnten Zwergmöwen und Pfuhlschnepfen gesichtet werden. Ein Stopp direkt an einem kleinen Dorf an der Straße, und 50m im Moor war dann auch das Objekt der Begierde. Da es recht trocken war, führten einige der Gruppe eine kleine Exkursion ins Moor durch (nasse Füße inclusive) und es wurden noch Zitronenstelze und Raubwürger gefunden. Die „Seegis“ waren aber sehr heimlich und ließen sich kaum sehen. Daraufhin wurde beschlossen, noch ein weiteres Gebiet in der Nähe anzusteuern.

Um die Mittagszeit wurden „Seggis“ gesucht und zu unser aller Erstaunen auch welche gefunden, und ein Vertreter ließ sich auch recht nah sehen. Danach war noch Zeit, und Natascha bewies wieder ihr „Organisationstalent“ und es wurde ein riesiges Fischteichgebiet bei Jamnik in unmittelbarer Grenznähe zur Ukraine besucht. Nach einer persönlichen „Einweisung“ durch den Direktor konnten wir mit dem Bus das Gebiet erkunden, und vor allem die abgelassenen Fischteiche erbrachten noch  Beobachtungen von Pfeifenten, Brandgänsen, Uferschnepfen, Kampfläufer, Alpen-, Zwerg- und Temmickstrandläufern, Rotschenkel, Odinshühnchen, Steppenmöwe, eine Raubseeschwalbe und Zitronenstelze. Leider hatten wir nur zwei Stunden Zeit, 17.00 Uhr wurde die Schranke geschlossen (und wer zu spät kommt, der kriegt Ärger!). uf dem Weg dorthin konnten Zwergmöwen und Pfuhlschnepfen gesichtet werden. Gaststätte und die Besichtigung der Obligatorischen
Entspannt ging es dann zum Hotel zurück, und ein Abschiedsabend mit Trinkgeld-Überreichung und ein wenig Wodka ließen Wehmut aufkommen.

27.02. (8. Tag) – Heimreise nach Berlin
Heute hieß es zeitig aufstehen, denn es ging schon 4.00 Uhr mit dem Bus in Richtung Minsk los. Frühstück gab es in einer modernen Autobahn Raststätte. Das Essen hätte man sich schenken können – Grauammer und Sprosser waren dafür Entschädigung. Nach vier Stunden Fahrt erreichten wir den Flughafen von Minsk und es erfolgte eine herzliche Verabschiedung von Natascha, dem Busfahrer und Pavel. Die Ausreise verließ problemlos, und nach 2 Stunden hatte uns Deutschland wieder.

Diese Reise war sicher für alle ein einmaliges Erlebnis. Wo ist es schon noch in Europa möglich, so große naturbelassene Gebiete und viele seltene Vogelarten zu erlebenm? Eine (vielleicht?) weitere Tour in dieses Land sollte man im Blick behalten, da es dort noch viele weitere großartige Lebensräume gibt und die vorhandene Infrastruktur und es sanfter Tourismus im Entstehen sind.

Ingolf Todte (Reiseleiter)

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